Einsiedler Hauptstraße 88 (ehem. Ortslistennr. 36)
C.B. Reinicke

Werbung in einer Beilage zum "Chemnitzer Tageblatt" Oktober 1936


C.B. Reinicke...die Abkürzung steht einerseits für “Carl Bernhard Reinicke”, andererseits für ein über die Grenzen von Einsiedel hinaus bekanntes Handelshaus, dessen Geschichte mit dem Ende des zweiten Weltkrieges ebenfalls endete.
Lassen wir zur Einleitung den seinerzeitigen Ortschronisten Otto Kämpfe zu Wort kommen, 1942 schrieb dieser den folgenden Bericht im “Wochenblatt für Einsiedel”:

  Aus alten Schriften... 75 Jahre Firma C. B. Reinicke

Diese vielen Jahre bedeuten eine lange Zeitspanne, in der sich ein Geschäft Jahr für Jahr in guten und in schlechten Zeiten behauptet.
75 Jahre sind es heute, seit Herr Carl Gottlieb Reinicke 1867 in dem kleinem Thieleschen Haus an der Hauptstraße sein Geschäft gründete.
Im Jahre 1873 übernahm Herr Carl Bernhard Reinicke das Geschäft und führte es unter seinem Namen weiter.
Unter dem Wirken dieser Persönlichkeit, die auch noch Jüngeren bekannt ist, entwickelte sich nun das Geschäft und zählt heute zu den fest mit dem Ort verwurzelten.
Im Jahre 1888 wurde es im kleinen Thieleschen Hause zu eng und ein Neubau geschaffen. An der Stelle, wo sich heute das Geschäftsgrundstück befindet standen zwei Häuschen in Fachwerkstil, und zwar das von Opitz mit einem anschließenden Zimmererplatz und das Dittrichhaus; dazwischendurch ging ein schmaler Weg nach der Kirche. Diese alten Häuschen wurden abgebrochen und an Ihrer Stelle trat als anderes Bild das heutige Geschäftshaus. Viele Jahre wirkte nun Herr Reinicke in seinem Geschäft und verschaffte ihm Geltung bis über die Ortsgrenze hinaus in vielen Nachbargemeinden.
Im Jahre 1914 setzte er sich zur Ruhe und Herr Georg Reinicke übernahm das Geschäft, das er im Sinne seines Vaters weiterführte und darüber hinaus als Drogist noch zur Drogerie erweiterte.
Im Jahre 1935 übergab dieser es an den nunmehrigen Besitzer, Herrn Erich Reinicke.
So haben sich 75 Jahre gerundet und schufen so ein in unserem Ort verwurzeltes und hochgeachtetes Kaufmannsgeschlecht.

Annonce von 1905

Zum besseren Verständnis der Festschrift oben:
Die Reinickes stammten ursprünglich aus Nauhain bei Hartha. Der Firmengründer Carl Gottlob führte anfangs sein Geschäft vom Grundstück Hauptstr. 92 aus, wo er Mieter im Hause der Sattlerei Thiele war.
Sein Sohn Carl Bernhard (C.B.) baute dann 1888 das auf der nebenstehende Anzeige zu sehende und bis heute fast unveränderte Gebäude). Der Anbau rechts (Lager) kam später hinzu, war aber wie wir sehen 1905 (Erscheinung Annonce) schon vorhanden.
Ich komme nachfolgend darauf zurück.

Bevor dieses Gebäude hier errichtet wurde, befanden sich an gleicher Stelle und im Nebengrundstück Hauptstraße 90 (Fleischerei Edel) zwei sogenannte Zechenhäuser, das sind die oben erwähnten Fachwerkhäuser. In ganz alter Zeit waren sie Heimstatt einiger Bergleute, die im dahinter liegenden Hang (wohl recht erfolglos) geschürft hatten. Danach wohnten Fischer darin, die ihre Forellen und Lachse auch an das Kloster in Chemnitz lieferten.

 

Zum besseren Verständnis der Familienverhältnisse nebenstehend ein Ausschnitt aus dem Einsiedler Adressbuch 1926/27.
C. B. ist als Privatier eingetragen, da er das Geschäft 1914 an seinen Sohn Georg übergeben hatte und dieser zu Zeitpunkt dieses auch führte. Er war in den 1920er Jahren Vorsitzender des Einsiedler “Verein für Handel und Gewerbe”.
Wir lesen noch von Erich, Georgs Bruder. Er wird das Geschäft 1935 übernehmen.
(Anzeige: Ullrich Krauß, Fotos: Ingobert Rost)

Georg Reinicke

Erich Reinicke

Hintergrundwissen Privatier:
Als Privatier bezeichnet man im allgemeinen Personen, die auf keine Erwerbstätigkeit mehr angewiesen sind, um ihre materiellen Bedürfnisse zu decken. Privatiere gibt es freilich auch heute noch, auch wenn die Standesämter dies heute nicht mehr als Berufsbezeichnung anerkennen.

Die nachstehenden Heimat-Belege und Werbeannoncen sagen uns schon viel über das umfangreiche Warenangebot des Hauses Reinicke. Es sei noch erwähnt, dass auch “Staatliche Lotteriekollektion” (Lotto-Annahme) das Sortiment ergänzte.

1926

"Einsiedler Wochenblatt" 1935

Georg Reinicke, der das Geschäft von 1914 bis 1935 führte, diente im Ersten Weltkrieg als Hauptmann im Sächsischen Heer und wurde in den Vogesen verwundet. Er litt später an zunehmenden Lähmungserscheinungen der Beine, so dass er im Rollstuhl saß, aber als Geschäftsführer im Laden weiter arbeitete. Eine befreundete Frau der Familie pflegte ihn.

 

Während des Zweiten Weltkrieges wird der Geschäftsinhaber Erich Reinicke - er ist stellvertretender Bürgermeister hier in Einsiedel - als Gendarm nach Mittelbach befohlen, da der dortige sich an der Front befand.
Das Geschäft und den Verkauf führten seine Frau, die Tochter und drei Verkäuferinnen.
Links die Hofeinfahrt am 22. April 2007, ganz früher befand sich hier eine Wellblechgarage, in der Reinicke seinen Dreirad-Lieferwagen von Fabrikat “Framo” parkte. Ein angestellter Kraftfahrer belieferte damit Kunden in den Umlandgemeinden, die bei Reinickes Waren bestellt hatten.

 

Unten zwei Raritäten, zwei Werbedias fürs Kino, beide wohl Ende der 1930er Jahre. Die Motive wurden meist vom Hersteller bereit gestellt, der Name des örtlichen Händlers eingefügt und dann wurden diese Dias in den zahlreichen Kinos eingeblendet.
Diavorlagen: Andreas Wildfeuer

Die Bombenangriffe im Februar und März 1945 überstand das Haus im Gegensatz zu den meisten anderen Gebäuden im Ort recht gut. Noch heute ist der Baustil von 1888 in großen Teilen erhalten.

 

 

Unmittelbar nach Kriegsende galt Erich Reinicke nun freilich als vorbelastet, aus politischen Gründen durfte er sein Geschäft nicht weiter führen. Bei Ingobert Rost lesen wir, dass ihm diese Mitteilung der neuen Gemeindeverwaltung im September 1945 ereilte. Rechts nun ein Schreiben vom 31. Oktober 1945, wo Erich Reinicke bei einem Hersteller in Zeitz um diverse Haushaltschemikalien bat. Fazit: die erzwungene Geschäftsaufgabe erfolgte wohl einige Wochen später.
Man achte auch auf die Unterschrift. Und “Mit Deutschem Gruß” gab es freilich auch nicht mehr...


Erich Reinicke bekam von der Gemeinde Einsiedel eine schwere körperliche Arbeit zugewiesen, er musste mit Anderen
(...PG´s) Stöcke roden, welche dann wiederum an die Bevölkerung als Brennstoff abgegeben wurden.
Das Umlauf- und das Anlagevermögen seines Geschäftes verfielen der Beschlagnahme. Lebensmittel und Haushaltswaren wurden auf die Geschäfte Haupt (Berbisdorfer Straße 32), Morgenstern (Heimgartenweg 5) und Richard Reichel (Hauptstraße 60) verteilt. Werkzeuge und Metallwaren gingen an die Ofensetzerei Eitzinger. Eitzinger selbst war in ehemaligen Pfarrgut Harthauer Weg 2 ausgebombt, galt als “rot” und bezog nun hier in der Hauptstraße 88 Quartier, was ihn durch den “Antifa-Block” ermöglicht wurde. Rechts eine Rechnung seiner Firma aus dieser Zeit in der Hauptstr. 88. Nach einigen Jahren baute er auf der Seydelstraße 4 neu und zog dorthin.
Erich Reinicke indes arbeitet später bis zum Rentenalter im Lohnbüro der Einsiedler Maschinenfabrik am Wiesenufer. Sein Sohn C.B. Junior (geb. 1935) ging um 1957 in den Westen, nach Rüsselsheim, und wurde “Opelaner”.
Seine Tochter Susanne, verheiratete Reibetanz, wohnte bis zu ihrem Tode 2006 auf der Seydelstraße.
 

22. April 2007

1954
1955

Rechterhand des Gebäudes der nachträglich geschaffene Anbau. Dort befand sich bis zur erzwungenen Geschäftsaufgabe die Niederlage (Lager) für Eisenwaren und Werkzeuge, darunter (also im Keller), das Weinlager, welches später zugeschüttet wurde.
Nach dem Krieg war hier dann ein Friseursalon. Erster Friseurmeister war Paul Haustein, danach sein Schwiegersohn Herbert Haase, später Margit Landgraf (geb. Sand). Oben rechts das Werbeschild für den Salon Haustein in den 1950er Jahren. Das Schild stand auf einer mosaikartigen, halbrunden Mauer, die die Grundstücksecke Hauptstraße-Kirchgasse begrenzte.

Die 1920er Jahre

Ach ja, die Mauer. Jahrzehnte lang stand sie da und später? Am 22. April 2007 sehen wir an gleicher Stelle schlecht erhaltenen Zaun und eine große Lücke. Auf dem Balkon über dem Anbau (rechtes Foto) wurde Georg Reinicke in seinem Rollstuhl oft gefahren.

Auch im Hauptgebäude, links eine Aufnahme um 1970, ging nach dem Krieg der Geschäftsbetrieb weiter, wenn auch in völlig anderen Formen.
Anfangs befand sich im Erdgeschoss die Arztpraxis von Dr. Fritz Rauh. Nach dessen Tod übernahm sein Schwiegersohn Dr. Rolf Dietel die Praxis. Der Masseur-Salon von Johannes Strauß war auch im Hause untergebracht, ebenso die Fußpflege von Inge Wolf.
Als die “Staatliche Arztpraxis” in der Seydelstraße 26 (Ecke Neue Straße) 1978 fertig gestellt wurde und Rolf Dietel umzog, übernahm das DLK die Räume. In Nebenräumen befand sich auch noch der Fotograf Lothar Richter, der hier nebenberuflich bis 1990 arbeitete und über den Gang durch den Hof zu erreichen war.
(Foto: Inge Wolf)

Nach der Wende verkaufte die Gemeinde das Haus an Eckhard Grunwald, der hier umfangreiche Bauarbeiten und Umbauten im Erdgeschoss vornahm und 1992 den ersten Supermarkt (Rewe) in Einsiedel eröffnete. Eine kleine Tafel an der Vorderfront des Gebäudes erinnert am 22. April 2007 noch daran.
Mit 100 m² Verkaufsfläche und als Lebensmittel-Vollsortimenter war er kurzzeitig das bedeutendste Geschäft dieser Art in Einsiedel. Grunwald ging später in Konkurs und Andrea Hascheck (Eibenberg) übernahm das Geschäft. Nachdem diese einen weitaus größeren Markt in Burkhardtsdorf eröffnete und auch der innerörtliche Konkurrenzdruck ab 1994 durch den PLUS-Markt am Wiesenufer (670 m²) und den “Superspar” (Hauptstr. 97, seit 2000) immer größer wurde, war die Schließung des Geschäftes 2003 nur eine logische Folge.
 

Auch die Wohnungsmieter der oberen Stockwerke zogen sukzessive aus und das traditionsreiche Haus stand leer. Zwei Fotos aus dieser Zeit, links 24. Februar, rechts 22. April 2007. Doch neue Interessenten fanden sich, die das Gebäude im September 2008 kauften...

...und erst einmal “etwas Geld in die Hand nahmen”. Hinter diesem im Volksmund schnell hingeworfenen Ausdruck für Investitionen verbirgt sich oftmals und insbesondere in diesem Falle teuer Geld - der gesamte Dachstuhl musste (ungeplant) erneuert werden. Oben zwei Aufnahmen von diesen Arbeiten vom 23. Juni 2009.
Es verdient wohl großen Respekt, wenn sich Leute finden, die bereit sind, historische Gebäude hier im Ort zu erhalten und für ihre Ideen leben!

18. September 2010

14. September 2013

Im September 2010 eröffnete in den Geschäftsräumen im Erdgeschoss, die schon so viele Nutzungen gesehen hatten, das “Eins-Zwo-Frauengesundheitsstudio”. Wie mir die Eigentümerin Nadine Kurze (2.v.l.) verriet, war dies von Anfang an so geplant und hatte den Ausschlag für den Kauf des Gebäude gegeben.
Und mir bleibt am Schluss dieser Seite nur noch, ihr und ihren Mitstreiterinnen für die Zukunft alles Gute zu wünschen.


Viele der historischen Daten zu dieser Seite fanden sich bei Ingobert Rost und Manfred Wildfeuer, dafür herzlichen Dank!

 

 

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