Einsiedler Hauptstraße 87   
vormals Cigarren-Krause, "Destille", DLK...

Ehemalige Ortslistennummer/Brandkatasternummer 55

 

 

Das Wohn- und Geschäftshaus Einsiedler Hauptstraße 87 auf einem Foto um 1970.

 

Das Hauptgebäude wurde im zweiten Weltkrieg stark zerstört und nach Kriegsende wesentlich größer dimensioniert wieder aufgebaut.
1949 war es im Großen und Ganzen wieder bezugsfertig.

Schon immer wurde das Grundstück gemischt genutzt, also teils Gewerbe, teils Wohnraum.
1926 finden wir hier den Friseur Paul Goldmann. Dessen Frau Wilhelmine verkauft zum gleichen Zeitpunkt im Hause Schokolade und andere Süßwaren. Um 1928 ist dann der Kaufmann Selbmann für dieses Geschäft nachgewiesen.
Bekannt war auch “Cigarren-Krause”, wobei sich der Zeitpunkt für dessen Geschäft nur grob datieren lässt. Links ein Foto, Fasching 1934. Es zeigt einen Rolf Uhlig vor dem Schaufenster des Geschäftes.
(Foto: Gabriele Hähle)
Bereits in der Planung für die Wiedererrichtung des Gebäudes nach der Zerstörung in den letzten Kriegstagen 1945 wurde etwa die Hälfte der Erdgeschossfläche als Laden ausgewiesen.

Erster Mieter nach dem Wiederaufbau war die Fleischerei von Max Fischer, der in der Hauptstraße 70 ausgebombt war, wo aber das Gebäude nicht wieder errichtet wurde. Später zog hier dann der Konsum ein, anfangs ebenfalls mit einem Fleischverkauf, später dann (nach 1954) mit einer sogenannten “Probierstube”. Dieses Kuriosum des DDR-Einzelhandels war ein Geschäft, wo Lebens- und vor allem Genussmittel verkauft wurden, welche man aber vorher probieren konnte. Gehandelt wurde mit allerlei Luxusgütern, welche grundsätzlich teuer und nicht für die unbedingte Versorgung wichtig waren. Schnaps, Bier, Wein, Bonbons, Pralinen, Zigarren und Zigaretten...der Geruch war betörend, wenn man den Laden betrat. Es gab auch zwei Stehtische, wo Bierausschank stattfand und nicht nur einer hat im Laufe der Jahre das Geschäft dann schwankend verlassen. Das ausgeschenkte Bier musste allerdings bezahlt werden. Alsbald wurde im örtlichen Sprachgebrauch aus der “Probierstube” die “Destille”. 
Insgesamt war es aber so, das sich diese Art Geschäft hier im Ort nicht lohnte und so wurde 1961/62 die “Probierstube” geschlossen.

Hintergrundwissen Konsum:
Der Konsum (Betonung auf der ersten Silbe und kurzes “u”) war in der DDR die Bezeichnung für ein Lebensmittelgeschäft der Konsumgenossenschaft.  Diese Art Genossenschaften gab es schon lange Zeit vor Gründung der DDR. Es handelt sich bei einer Konsumgenossenschaft war eine Massenorganisation, die ihre Verbraucher zum einen mit Konsumgütern und Dienstleistungen versorgt und zum anderen ihre Mitglieder am Umsatz beteiligte.
In Deutschland gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert Konsumgenossenschaften.
Zusammen bildeten sie den Zentralverband Deutscher Konsumvereine (1903) bzw. den Reichsverband Deutscher Konsumvereine  (1908). Deutlicher Schwerpunkt war Sachsen, wo die Arbeiterorganisationen schon früh eine bedeutende Rolle spielten.
Nach dem ab 1933 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hatte, ging es aus gewollten politischen Gründen mit den Konsumgenossenschaften steil bergab. Zunächst wurde mit dem Rabattgesetz von 1933 die Rückvergütung auf 3% begrenzt und damit das Interesse an der Mitgliedschaft in der Konsumgenossenschaft entscheidend beschnitten. Später wurde den Genossenschaften verboten, Spareinlagen anzunehmen, was zu einem erheblichen Liquiditätsverlust führte und zahlreiche Konsumgenossenschaften an den Rand des Ruins brachte. Letztendlich wurde die Liquidation aller Genossenschaften, denen es wirtschaftlich nicht mehr gut ging, erzwungen. 1941 wurde die Zerstörung der Konsumgenossenschaften dann abgeschlossen, indem ihre Einrichtungen in das Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront (DAF) überführt wurden.

Nach Kriegsende wurden die Konsumgenossenschaften auf Anordnung der sowjetischen Alliierten auf dem Gebiet der späteren DDR am 18.12.1945 erneut ins Leben gerufen. Ende 1947 zählten die Konsumgenossenschaften in der sowjetischen Besatzungszone bereits wieder 1,8 Millionen Mitglieder. Die Konsumgenossenschaften alle vier Zonen knüpften an die alte Tugend an, Vorreiter bei der Modernisierung zu sein. So eröffnete 1949 in Hamburg der erste Selbstbedienungsladen in Deutschland. Das erste Selbstbedienungsgeschäft in der DDR wurde 1952 vom Konsum Groß-Berlin eGmbH in Treptow eröffnet. Allgemein konzentrierte sich der Konsum in der DDR aber auf ländliche Gebiete. Seine Bedeutung als Handelskette in der DDR war mit 3,8 Mio. Mitgliedern und
30% Anteil am Einzelhandels sehr groß. Nach der Wende 1990 gerieten viele ostdeutsche Konsumgenossenschaften in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die zu zahlreichen Betriebsschließungen und auch Insolvenzverfahren geführt haben. Allerdings gelang es auch viele Genossenschaften, Anschluss an die neuen Bedingungen im Handel zu finden und ihre Unternehmen zu sichern.
Die Abbildungen zeigen oben das Logo der Konsum der DDR (Fabrikesse und Sichel) und darunter Wertmarken
(umgangssprachlich “Konsummarken”) für das Rückvergütungssystem.

Nachmieter war dann das DLK, welches im Hause eine sogenannte  “Komplexannahmestelle” betrieb.
1978 wurde das Grundstück dann verkauft. Der neue Eigentümer wollte selbst einziehen, so dass nach einiger Zeit das DLK den Laden freizog und dieser in eine sich über das ganze Erdgeschoss erstreckende Wohnung umgebaut wurde.

Hintergrundwissen DLK:
Abkürzung für “Dienstleistungskombinat”. Ein über die ganze DDR mit Filialen gestreutes Unternehmen, welches für jedermann Reparaturen an Haushaltgeräten, Spielzeug usw. durchführte. Ebenso konnte Wäsche zum waschen, bügeln oder mangeln abgegeben werden. Dies war vor allem bis in die 1970er Jahre aktuell, da es Waschmaschinen bis zu dieser Zeit nur vereinzelt zu kaufen gab. Der Name Komplexannahmestelle stützt sich auf die Vielfalt der Leistungen, die durch das Unternehmen ausgeführt wurden.

Foto links:
Eine Szene vor der “Destille”. Keiner weiß heute mehr, um wem es sich bei den beiden handelt und obwohl Reklame auf dem Foto fehlt, läßt sich an Hand der Mode schlussfolgern, dass die Aufnahme aus den 1950er Jahren stammt...

Das Gebäude am 6. September 2004.
Der Baum vorne rechts ist die Einsiedler “Friedenseiche 1871”.

Aber gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück. Ein Blick aus dem Dachfenster des Nachbarhauses (Hauptstr. 89) in Richtung Norden zeigt uns, dass das Gebäude Nr. 87 bis zur Zerstörung 1945 wesentlich kleiner war.
Aufnahmezeitpunkt Mitte/Ende der 1920er Jahre.
Im Hintergrund sehen wir links die Bretterbude für den Schrankenwärter der “Deutschen Reichsbahn Gesellschaft” (DRG). Dieser sollte erst 1936 ein neues Stellwerk beziehen. Dahinter das alte Postgebäude mit der “Luthereiche”.
Auch noch zu erkennen der Turm des Rathauses und unmittelbar hinter dem dampfenden Kamin sehen wir das Haupt- und Nebengebäude von Hauptstr. 85.
(Foto: Ingobert Rost)

Bis zum 1. September 2005 hat sich dann doch einiges geändert.
Das Gebäude wurde nach den Bombenschäden vom März 1945 wesentlich größer wiedererrichtet und nimmt nunmehr fast das ganze Bild ein. Das Stellwerk von 1936 wurde am 6. Mai 2004 abgerissen und nun steht dort ein massiv errichteter Schaltschrank mit allerlei Elektrik und Elektronik.
Hinten rechts noch gut zu erkennen das ebenfalls wesentlich höher wiedererrichtete Nebengebäude von Hauptstr. 85.
(Foto: Wolfgang Pilz)

Eine Bauzeichnung von 29. Januar 1947. Das Gebäude von der Hauptstraße aus gesehen. Das Haupthaus vorne wurde -wie erwähnt- wesentlich größer und höher gebaut, als das im Bombenhagel untergegangene Gebäude.

 

 

 

Richten wir aber unser Augenmerk nun auf das zurückgesetzte Nebengebäude mit dem Satteldach rechts.

Das Nebengebäude der Nr. 87 ist mit einem Baujahr etwa um 1875 wesentlich älter als das Hauptgebäude. Es wurde als gemischter Wohn- und Gewerberaum genutzt. Im Erdgeschoss befand sich die Schneiderei Graf. Max Graf war Mitglied der SPD und ein politisch engagierter Mann. Bereits am 10. November 1918, also kurz vor Beginn des Waffenstillstandes im 1. Weltkrieg wurde er Vorsitzender des Einsiedler Arbeiterrates, welcher sich am gleichen Tag gegründet hatte. Später übernahm sein Sohn Fritz das Geschäft, danach änderte sich der Handwerkszweig und der Schuhmacher Wünsch bezog die Räume. Alle drei betrieben ihr Gewerbe von der Wohnung aus, d.h. die Kunden haben ihre Kleider und Schuhe zum ändern oder reparieren in die Wohnung gebracht und sie da auch wieder abgeholt.
Links eine Werbeanzeige aus dem Jahre 1926.
(Vorlage: Ingobert Rost)

Schneidermeister Max Graf, Obermeister der Schneiderinnung.
Vermutlich ist es der linke Mann (am Zügel), der eigentliche Kutscher war der Fotograf.
(Foto und Recherche: Ingobert Rost)

Die Aufnahme lässt sich zwischen 1910 und 1920 datieren. Standort ist unter der “Friedenseiche 1871”.
Im Hintergrund die Nr. 87, schwer erkenntlich noch das Werbeschild “Max Graf - Schneidermeister” an der Hauswand.

Links eines der wenigen Fotos, welche mir als Seitenbetreuer hier vorliegen und die das Nebengebäude mit dem ehemaligen Satteldach zeigen. Die Aufnahme ist von Anfang der 1970er Jahre (Andreas Wildfeuer), das Foto oben vom 14. Dezember 2005.

 

Links:
1954, von der  Grundstücksgrenze 87/89 aufgenommen.
(Foto: Johannes Pilz)
Rechts:
Der gleiche Standort am 8. September 2004.

Ab Ende der 1970er Jahre wurde das Nebengebäude nur noch als Abstellraum genutzt, es verfiel immer mehr. Im Winter 1979 hielt das Satteldach der Schneelast nicht mehr stand und rutschte seitlich weg (in den Garten). Hierzu muss gesagt werden, dass die Dachkonstruktion rückseitig bereits im Kriege durch Sog infolge einer Bombe beschädigt, sonst aber in ihrem Zustand erhalten geblieben war. Aus Materialmangel und auch der Nutzung geschuldet, wurde ein Ringanker aufgemauert und ein einfaches Pultdach aufgebracht.

Im Jahre 2000 schließlich wurde das Nebengebäude von Grund auf saniert und beherbergt heute die Firma “Futtermittelmann”, den Futtermittel- und Getreidehandel von Carsten Claus. Gehandelt wird sowohl stationär aus dem Ladengeschäft wie auch über das Internet.
Weiterführende Informationen:

www.futtermittel-chemnitz.de

Fa. Carsten Claus - Firmenvorstellung

 

www.futtermittelmann.de

Futtermittelmann - Online-Shop

 

Haupt- und Nebengebäude in der Bauzeichnung von 1947 aus Richtung Norden, also von den Bahnschienen aus gesehen und rechts auf einem Foto vom 8. September 2004.

 

 

Schlussendlich noch ein touristischer Hinweis:

Von der Nordecke des Grundstücks Einsiedler Hauptstraße 87 kann man - klare Sicht vorausgesetzt - mehrmals am Tage die Zugspitze sehen!

 

 

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