Einsiedler Hauptstraße 3     vormals
Gasthof und Lichtspieltheater "Kaiserhof"

Alt und ehrwürdig war der Gasthof “Kaiserhof” in der Hauptstraße Nr. 3. Seine Geschichte, seine fast unzähligen Wirte und Pächter lassen sich in den nachfolgenden, zahlreichen Annoncen gut zurück verfolgen. Aber auch viele Fotopostkarten geben uns einen Eindruck von der ersten örtlichen Einkehrstätte, wenn man aus Chemnitz kommend Einsiedler Flur betrat. Die Karte oben lief 1928.

Zwei Reklameanzeigen, links Januar 1900, rechts  “Chemnitzer Neueste Nachrichten” vom 8. Februar 1913.
(Vorlage: links Klaus Gagstädter, rechts Hans-Christian Günther)

 

In dieser Zeit muß es auch gewesen sein, dass der damalige Besitzer es den Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) erlaubte, in seinen Räumen Vereinsvergnügen abzuhalten.
Dazu muß man wissen, dass die nach Ende des Sozialistengesetzes wieder öffentlich auftretenden Genossen in Einsiedel keinen Gastwirt fanden, um ihre regulären Versammlungen durchführen zu können.
In wie weit die “Vereinsvergnügen” schließlich ausgelegt wurden, ist nicht bekannt. Faxt ist aber, dass es der SPD 1901 erstmals gelang, Vertreter in den Einsiedler Gemeinderat zu entsenden.

 

 

 

Hintergrundwissen Sozialistengesetz:
Vollständiger Name: „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Das Sozialistengesetz wurde am 19. Oktober 1878 mit der Stimmenmehrheit der konservativen Kräfte im Reichstag verabschiedet und trat zwei Tage später in Kraft. Es galt mit Verlängerungen bis zum 30. September 1890. Reichskanzler Bismarck nahm die am 11. Mai 1878 von Max Hödel und am 2. Juni 1878 von Dr. Karl Eduard Nobiling verübten Attentate auf  Kaiser Wilhelm I. zum Anlass, das Gesetz durch das Parlament zu bringen, wobei er wahrheitswidrig verbreiten ließ, Nobiling sei Sozialdemokrat gewesen.
Das Gesetz verbot Versammlungen und Druckschriften der Sozialdemokraten. Es war jedoch weiterhin möglich, als Einzelperson bei Wahlen für die Sozialdemokratie zu kandidieren. So wirkten die Fraktionen des Reichstages bzw. der Landtage legal. Letztendlich aber war es für die Genossen sehr schwierig, eine Partei zu führen, wenn sowohl Versammlungen als auch Schriften verboten waren. Das Ziel des Sozialistengesetzes, die Reduzierung der Stimmen für die Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen, wurde jedoch nie erreicht. Das Gegenteil trat ein, zwischen  1881 und 1890 wuchs der Stimmenanteil auf das über 4,5-fache. Seitdem war die Sozialdemokratie ein ernstzunehmender Machtfaktor. Im Nachhinein steht aber das Fazit, dass durch dieses Gesetz die Integration von Arbeitern und Sozialdemokratie in Staat und Gesellschaft nachhaltig erschwerte wurde.

Links Fotopostkarte (Jürgen Fritzsche), rechts Lithographie (Andreas Wildfeuer), beides nach 1900.

 

Links eine Anzeige aus dem Jahre 1905, das Postkartenmotiv rechts gewährt uns einen Blick in den Saal. Diese Karte lief am 15. Oktober 1920.
(Vorlage rechts: Matthias Löffler)

In Zeiten weniger Autos ist die Bekanntgabe der “Gehzeit” vom Bahnhof (10 Minuten) von großer Bedeutung und wird dementsprechend auch immer wieder publiziert. Beispielsweise auf Lithographien, links aus dem Jahre 1910, rechts von 1912.
(Vorlage rechts: Hans-Christian Günther)

Die Werbebotschaft oben links aus dem “Einsiedler Wochenblatt” von 1935 verspricht nicht zuviel:
Die Kegelbahn sehen wir auf dem linken Foto und oben hat sich der Verein “Stoppel-Quartett” zum Foto vor dem Gasthof aufgestellt. Auf dessen Standarte ist zu lesen “Stoppel-Quartett Kalt Eisen früh-heim”, - was immer das bedeuten sollte...
Auf Grund der “Hutmode” war es sicher eine lustige Männergesellschaft, die allerhand Zuspruch erfuhr...
(Foto links: Matthias Löffler)

1925 eröffneten die “Kaiserhof Lichtspiele”. Mit seinen mit rotem Cord bezogenen Klappsesseln wird dem Kino ein fast großstädtisches Flair nachgesagt und die Veranstaltungen wurden dementsprechend rege genutzt. Zu den anfangs gezeigten Stummfilmen gab es die damals übliche Klavieruntermalung.
Der Lichtspielsaal hatte 439 Sitzplätze, Eigentümer zu dieser Zeit war Erich Weilach.
Rechts eine Kaiserhof-Kinoanzeige aus dem Jahre 1939.
(Fotos: Matthias Löffler)

1926 ließ es sich auch der seinerzeitige Betreiber Louis Richter nicht nehmen, seine Lokalität in diversen Anzeigen bekannt zu machen.
(Vorlagen: links Ingobert Rost, rechts Ullrich Krauß)

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Foto oben links um 1929. Zu dieser Zeit war ein Alfred Agsten als Pächter des Gasthauses eingetragen. Die Litfaßsäule wurde später einige Meter Richtung Funkstraße versetzt und überdauerte hier die gesamte DDR-Zeit. Sie wurde erst nach der Wende entfernt. Rechts der gleiche Standort am 31. Oktober 2005.
(Foto links: Matthias Löffler)

Eine Reklameanzeige im “Chemnitzer Tageblatt” von 1936. Diesmal wirbt Karl Schneidewind um Gäste...
(Vorlage: Hans-Christian Günther)

Die nachfolgenden Fotos zeigen uns diverse Außenputzarbeiten und die endgültige Fertigstellung des Lichtspieltheaters im Jahre 1940.
(Fotos: Matthias Löffler) 

Die zwei Fotos oben gewähren uns einen Blick in den Innenhof des Gasthauses 1940.

 

Zur Wiedereröffnung des Lichtspieltheater 1940 gab man den Film “Der Feuerteufel” mit Luis Trenker, wie wir aus nebenstehender Werbung erfahren.

Während der Film zur Zeit der Napoleonischen Besatzungsmacht in Preußen und Österreich spielt und in einem engen Kontext zu den Filmproduktionen im Dritten Reich gesehen werden sollte, brachten am 5. März 1945 ganz andere Feuerteufel den “Kaiserhof” in die Realität zurück und bombten das Ende des Gebäudes ein.

 

Das restlos zerstörte Gebäude wurde nicht wieder errichtet.
(Fotos: unten Torsten Richter, ganz rechts Matthias Löffler)

Die beiden Fotos zeigen uns noch einmal einen Vergleich des Kaiserhof-Gebäudes vor und nach dem Bombenangriff fast von gleichen Standort aus.
(Fotos: Jürgen Krauß)

Nach Jahrzehnten als freie, unbebaute Stelle, wurde 1999 von Matthias Löffler auf dem Grundstück eine Autowerkstatt errichtet. Wie bei den ehemaligen Gasthäuser “Waldesrauschen” und “Drei Eichen”,  so ist auch der Name “Kaiserhof” nicht ganz aus Einsiedel verschwunden, sondern wird, wenn auch in anderer Branche, weitergeführt.
Fotos: links 31. Oktober 2004, rechts 31. Oktober 2005.

 

 

 

 

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