Einsiedler Brauhaus   1903 - 1920
Einsiedler Brauhaus AG

Teil II   Einsiedler Brauhaus Actiengesellschaft
 

 

1903
erfolgt die Umwandlung der Privatbrauerei in die
                          “Einsiedler Brauhaus AG”.

 

Echt Einsiedler BöhmischDie Biersorte “Echt Einsiedler Böhmisch” wird als erstes Bier unter dem Markennamen “Einsiedler” auf den Markt gebracht.

Was zum Zeitpunkt allerdings noch keiner wusste: 105 Jahre später soll “Echt Einsiedler Böhmisch” seine zweite Auferstehung feiern...

 

 

1905
Aus diesem Jahr sind die beiden nebenstehenden Reklameanzeigen.
Links das Brauhaus vor dem Bau des neuen Sudhauses, von der rückwärtigen Grundstücksgrenze aus gesehen, also Richtung Hauptstraße.
Beachtenswert hier auch noch die beiden Einfassungen der Anzeige mit dem zum Zeitpunkt noch immer populären floralen Ornamenten im Jugendstil.

1906
Das Kontorgebäude wird aufgestockt.

 

 

1907 bis 1908
wird das neue Sudhaus, wie es heute noch steht, errichtet.
Auf dem Foto rechts ist der Rohbau fast fertig gestellt.

 

Dieses Sudhaus ist für eine Jahreskapazität von 200.000 hl ausgelegt. Auch wird wiederum ein neues Maschinen- und Kesselhaus mit entsprechend großem Schornstein gebaut.
Die untenstehenden Fotos zeigen uns die in chronologischer Reihenfolge die Errichtung von Schornstein und Sudhauses.
(Fotos: Jürgen Krauß)

 

 


 

1908
wird der rechts abgebildete Heizkessel - hergestellt in der Maschinenfabrik Germania Chemnitz - nach Einsiedel ins Brauhaus transportiert.

 

 

 

An dieser Stelle nun drei Fotos vom Transportgeschehen.
Aber gehen wir ruhig ein paar Schritte mit und begleiten die schwere Fracht den letzen Kilometer bis zu seinem Ziel.
Auf dem Foto rechts befindet sich der etwa 12 PS starke Zug gerade vor dem “Gasthof Einsiedel”, man macht wohl gerade Rast. Es ist zu vermuten, dass der Kessel von Beginn an auf der Straße transportiert wurde und nicht mit der Eisenbahn in Einsiedel ankam.

Foto unten: Am Schulberg. Rechts das Doppelhaus Hauptstr. 86 und 84, das kleine Haus ist die Kirchgasse 14, oben dann die beiden Schulen. Beachtenswert, wenn man ins Detail geht, die Zwönitz im Vordergrund. Das befestigte Ufer gehört zu einer Insel, unmittelbar dahinter und noch vor dem Straßengeländer verläuft der Mühlgraben der “Fabrik patentierter Neuheiten” von Guido Riedel in der Hauptstr. 97, heute EDEKA.

Unten rechts: Geschafft, Einfahrt im Brauereihof. Hinten das Fachwerkhaus des Gasthauses “Drei Eichen”, Baujahr um 1832. Hier wird im nächsten Jahr ein großer Saal angebaut...der dann 1996 abgerissen wurde. Rechts im Hintergrund noch das “Donath-Gut” Hauptstr. 137, heute “Getränkemarkt “Guts-Quelle”
(Fotos: Jürgen Krauß)


1910

Am 3. März stirbt Emil Schwalbe (geb. 31. Dezember 1848). Sein Sohn Karl, der bereits seit 1901 an der Seite seines Vaters tätig war, tritt die vakante Direktorenstelle an. Im gleichem Jahre liegt der Bierausstoß bei etwa 52.000 hl.
Für das Überlaufwasser des Gemeindehochbehälters auf der Körnerhöhe wird eine Einrichtung geschaffen, um dieses in die Brauerei zu leiten. Der Betrieb darf dieses Wasser für sich verwenden und zahlt dafür pauschal 100 Mark jährlich an die Gemeindekasse.
Etwa im gleichen Zeitraum entstanden die nachfolgenden Fotos, sie gewähren uns einen Blick in die Betriebsabläufe dieser Zeit (Dynamomaschine, Beschickung, Böttcherei, Abfüllung).

Dynamomaschine

Beschickung

Böttcherei

Abfüllung

 


1911

Rechts eine Werbeanzeige aus dem “Chemnitzer Tageblatt” vom
2. September 1911.

 

Für das gleiche Jahr wollen wir einen kurzen Blick in die Vertriebslogistik des Brauhauses zu jener Zeit werfen:
Für die größeren Strecken besaß die Brauerei drei spezielle Bahnwaggons. Die Bahntransporte gingen in die Niederlagen (...Filialen) nach Aue, Großbauchlitz (bei Döbeln), Limbach, Roßbach und Zwickau, ab 1920 auch nach Annaberg.

Die “mittleren” Touren bedienten die Pferdefuhrwerke:
Hoheneck, Hohenstein, Limbach, Jöhstadt, Schwarzbach/Enderlein, Scheibenberg, Zöblitz und Zwönitz.
Die Bilder zeigen die “Bierkutscher”, wobei das Foto unten links nicht in Einsiedel aufgenommen wurde, wohl aber Wagen und Pferde zum Brauhaus gehören.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)


Für Lieferziele “gleich um die Ecke” waren die Ochsengespanne (4 km/h) bestimmt: Neukirchen, Gornsdorf und Meinersdorf, manchmal aber auch nach Hoheneck.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

Der Bestand an Zugtieren beträgt um 1911 33 Pferde und 12 Ochsen.
Hinzu kamen zwei Bierverleger-Pferde (Bierverleger: Großhändler bzw. Zwischenhändler einer Brauerei).

 

1912
Die ersten Lastkraftwagen werden angeschafft. Die drei Fotos zeigen uns die neue Technik. Rechts ein LKW Typ “Saurer”.
(Foto: Haus & Grund Einsiedel).

Die (unterschiedlichen) Fabrikate der LKWs unten sind nicht bekannt, aber das Brauhaus hat seine Flotte seinerzeit schön durchnummeriert.
Wir sehen also unten links LKW Nr. 1, daneben die Nr. 5.
Diese Nummerierungen gab es auch schon auf den im I. Teil abgebildeten Eiswagen. Es ist davon auszugehen, dass auch die Wagen für die Ochsen und Pferde nummeriert waren.


1913

Die eingangs der Seite erwähnte Biersorte “Einsiedler Böhmisch” ist die Spezialität des Brauhauses. Der Name lehnt sich bewusst an “Böhmen” (damals Österreich-Ungarn, heute Tschechei) an, da in der dortigen Stadt Pilsen eben das “echte” Pilsner (...also nach Pilsener Brauart) hergestellt wurde und das “Einsiedler Böhmisch” diesen geschmacklich sehr nahe gekommen sein soll.
Zahlreiche Auszeichnungen belegen den hohen Qualitätsstandard der Einsiedler Biere, etwa 76.000 hl können 1913 umgesetzt werden.
Am 30. August wird ein weiteres Warenzeichen eingetragen: “Einsiedler Doppel-Bock”.
 

1914
Am 28. Juli beginnt der Erste Weltkrieg, seit 2. August ist auch das Deutsche Reich involviert. Große Teile der Belegschaft erhalten ihren Einberufungsbefehl.
LKW und Pferde müssen an die Heeresverwaltung abgegeben werden. Das Liefergebiet, was vorher noch teilweise über Sachsen hinaus ging, wird auf etwa 25 km Umkreis eingeschränkt.
Die Pferdegeschirre kamen manchmal erst früh um 5 Uhr von einer Tour zurück. Die Kutscher ruhten nur kurz aus, um dann eine neue Tour zu fahren. Diesmal aber mit Ochsen, die Pferde hatten einen Ruhetag. Ein Geschirrführer verdiente um diese Zeit wöchentlich 28 Mark, hinzu kamen 9 Mark Auslöse in der Woche, bei weiten Touren 18 Mark.
Im Laufe des Krieges werden die Rohstoffzuteilungen immer knapper, bis 1920 sinkt der jährliche Ausstoß auf 30.000 hl.
Dieser Rückgang ist als Hauptgrund der Aktionäre der Einsiedler Brauhaus AG anzusehen, das Unternehmen am 1. Oktober 1920 an die "Deutsche Bierbrauerei AG, Berlin" zu verkaufen.
Rechts sehen wir eine der damals üblichen Zahlungsbestätigungen.
(Vorlage: Jürgen Krauß)

 

 

Was sonst noch geschah:
Das Brauhaus kaufte das “Steinert-Gut” in der Hauptstraße 136 und das “Donath-Gut” in der Hauptstraße 137. Die Güter wurden ab 1918 als Wirtschaftsgebäude betrieben. Hier wurden Räume für die Handwerker (Böttcher, Tischler, Schlosser, Schmiede) eingerichtet, im Donath-Gut wurde bereits um 1910 ein Automobilschuppen geplant und gebaut. Die zu den beiden Gütern gehörigen Felder an der Eibenberger Straße brachten das Futter für die Zugtiere.

Gegen Ende des ersten Weltkrieges befasste sich das Brauhaus auch noch mit der Aufbereitung von Nesselfasern und (bis 1925) mit der Herstellung von Nährhefe.

 

 

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